Auszüge

Prosa

Aus einem entstehenden Roman:

Mein Leben hier, Sayoko... Wenn du mich also fragen würdest, was hast du eigentlich so alles gemacht, seitdem du im Kindergarten Männchen ohne Hälse und Sonnen mit blutroten Mäulern gemalt hast, wäre die Antwort alles andere als...

Durchgewurstelt hab ich mich, rumgezappelt bin ich. Wunder geschehen immer seltener, und darum hat es auch in meinem Leben bis jetzt selten was gegeben, das jäh vor mir aufgeblitzt wäre wie ein Fisch im Mittagslicht. Aber auch so etwas Geheimnisvolles wie der Hecht im Seerosenteich, den wir als Kinder nur allzu gern mal aufgescheucht hätten... Seine geduldige lauernde Intelligenz.

Wie gern hätte ich selber ein bisschen mehr davon gehabt. Klar, ich hab dies und das gemacht, war mal im Verkauf, bin aus Not, als es so was noch gab, Taxi gefahren, und Verantwortlicher für die Wiederherstellung interner Kommunikationsströme in einem Wasseraufbereitungswerk bin ich auch mal gewesen und später noch Dozent, auch das muss ich mal gewesen sein, Dozent für weiss was... Es ging um Zusammenhänge. Damals ging`s immer um Zusammenhänge.

Und einmal – ich konnte nicht anders, ich wollte was erklären, ich sagte zu meinen Schülerinnen: Wenn es wahr wäre, dass eure Generation wegen einer genetischen Manipulation die Aussicht hätte, mit einem Schlag dreimal so alt zu werden wie meine, würde ich es bereuen, euch nicht auf der Stelle abgeknallt zu haben. Das sagte ich. Und sie, sie lachten. Weil sie immer lachten. Drei Tage später war ich den Job los.


Kolumnen:

So viel Zukunft hat es seither nie mehr gegeben

Ich lebe schon so lange, dass ich mich noch erinnere, wie lange das Jahr 2000 das Nonplusultra der Zukunft war, der Inbegriff der Zukunft, die Zukunft aller Zukünfte. Mehr Zukunft gab es nicht. Und wir Babyboomer waren besessen davon.

1999 war im Hauptbahnhof Zürich eine Uhr angebracht, die über ein Jahr hinweg anzeigte, wie viele Wochen, Tage, Stunden, Minuten, Sekunden es noch dauern werde, bis zum grossen Feuerwerk, dem Korkenflug ins neue Jahrtausend.

Wir Babyboomer hatten den Glauben Zukunft mit der Schoppenmilch aufgesogen. Nach dem Zweiten Weltkrieg, von dem meine Generation verschont geblieben ist, ging es nur noch vorwärts und aufwärts im gläsernen Lift, der hochschoss zum Stockwerk namens Zukunft. Fliegende Autos gehörten zur Selbstverständlichkeit, Städte auf dem Meeresboden, vollautomatische Küchen, Roboter, alle bösen Krankheiten waren in diesen Vorstellungen besiegt, Krebs endlich nur noch nur noch ein Tier oder der Name eines freundlichen Sternzeichens.

Dass Menschen mal auf den Mond oder Mars fliegen werden, war schon in den fünfziger Jahren so selbstverständlich, dass man schon lange vorher darüber Witze machte. Die Frage war nicht ob, sondern nur noch wann und wer zuerst. Russen oder Amerikaner. Im damaligen Nebelspalter gab es einen Cartoon, der aus zwei Bildern bestand. Auf dem ersten Bild hatten die Russen den Wettlauf zum Mond gewonnen. Sie waren nun also dort und bemalten als Kommunisten, die sie damals noch sein mussten, den Mond rot. Und gingen wieder. Auf dem zweiten Bild landeten die Amerikaner auf dem nun leuchtend roten Mond. Sie stiegen aus der Rakete und pinselten mit weisser Farbe noch Coca-Cola drauf.

Die Kehrseite dieser optimistischen Visionen war die fürchterliche Angst vor einem Atomkrieg. Wenn ich nachts nicht schlafen konnte und ein fernes Brummen hörte, war das ein russischer oder amerikanischer Atombomber, der um die Welt kreiste. Aber – die Zuversicht überwog, die Aussicht, sogar den Tod zu besiegen war stärker. In bin in der Nähe des Zürcher

Zentralfriedhofs aufgewachsen. Mein Schulweg führte an seinen Mauern vorbei, manchmal, wenn ich müde war und angeekelt von Prüfungen und Noten, ging ich quer durch ihn hindurch. Ich ging an den Gräbern vorbei und bedauerte die armen Toten, die das Pech hatten, zu früh gelebt zu haben. Ich war überzeugt, so etwas würde mir nicht mehr passieren. Dafür sorgten schon die Amerikaner: Die Pille gegen den Tod, nur noch eine Frage der Zeit.

Vor fast genau 280 Jahren wurde in Frankreich Antoine Lavoisier geboren, ein Botaniker, Physiker, Chemiker, Steuereintreiber und Entdecker der Oxydation. Er soll, euphorisierte von all den aufleuchtenden Erkenntnissen gesagt haben: Die Chemie ist so weit. In hundert Jahren wird niemand mehr sterben.

Seine eigene Unsterblichkeit dauerte allerdings dann nur noch wenige Jahre. Lavoisiers Leben endete auf dem Schafott der Französischen Revolution. Der Arzt Joseph-Ignace Guillotin hatte dieses Schafott perfektioniert. Schmerzlos sollte die Hinrichtung sein, effektiv und 'human'. Ein paar Jahre davor war Doktor Guillotin noch in einer Kommission der französischen Akademie Lavoisiers Kollege.

Die universelle Pille, das schon in alten Mythologien herbeigewünschte Wunderkraut gegen den Tod, gibt es bis heute nicht. Zum Glück vielleicht, aber lassen wir das erst mal. Am Tod finde ich nur das Totsein schlimm, weil ich es mir als endlos langweilig vorstelle. Nichts mehr zu fühlen, zu hören, zu sehen, zu denken, eingesponnen in einen traumlosen Schlaf, aus dem es kein Erwachen mehr gibt – nicht schön.

Meine Frau pflegt, wenn ich ihr mit solchen Trostlosigkeiten komme, zu sagen: Und was, wenn es nicht so ist, sondern ganz anders?

Gut, ja... Wenns nicht so ist... Die Zukunft wird's zeigen. Eventuell.


Doch logisch, oder?

Wie, die Titanic hat nie einen Eisberg gerammt, ist nie untergegangen, ist weder am 31. Mai 1911vom Stapel gelaufen noch am 10. April 1912 in Southampton ins Meer gestochen? Alles Humbug, alles Lügenpresse oder bestenfalls ein Blockbuster aus Hollywoods Alptraumfabriken?

Wer den Beweis für die Wahrscheinlichkeit, dass das alles erstunken und erlogen sei, hören möchte, muss vielleicht mal Zug fahren. So wie ich vor ein paar Wochen. Ein später Nachmittag. Für einige schon Feierabend, man schaukelt nach Hause, und hinter Oerlikon schlummern die einen oder andern schon mal weg. Doch dann jäh und mit voller Wucht: Schnellbremsung. Kreischende Räder, fast im selben Moment flackern Monitore auf: Die Passagiere werden in drei Sprachen gebeten, ruhig auf ihren Sitzen zu bleiben, der Zug werde bei der nächsten Möglichkeit anhalten, alles Weitere werde folgen. Oberglatt. Der Zug kommt zum Stillstand. Niemand steigt aus, niemand steigt ein. Die meisten schauen weiterhin auf ihr Smartphone, Coolness und Gottvertrauen in die SBB. Fünf Minuten später setzt sich der Zug wieder in Bewegung. Auf den Monitoren keine weiteren Erklärungen, dafür spricht jetzt die dünne Stimme des Lokführers wie aus einem leeren Wassertank heraus: Wegen einer Rauchentwicklungsmeldung musste der Zug angehalten werden. Da das nun überprüft werden konnte, können wir nun wieder weiterfahren. Zwei Sitzreihen schräg vor mir sitzen zwei Männer, ein jüngerer mit einem schmalen rotblonden Bart, der ein offenes Gesicht umkränzt und es zugleich etwas blass erscheinen lässt, so dass es auch auf ein Märtyrerbild in einer düsteren Kirche passen würde. Der andere, der etwas Ältere, ist in Glattbrugg mit zwei Autoreifen über den Schultern eingestiegen. Er sieht mit seinen ausgeprägten Stirnfalten, die wahrscheinlich vom vielen skeptischen Hochziehen der Augenbrauen kommen, sehr nach Fachmann aus. Und der fängt auch sofort an zu erklären, was hier nun bei der Bremsung alles vorgegangen sei. Er redet von Zwangsbremsungen, die aber nicht immer über eine Notbremse ausgelöst werden müssten, erwähnt die alte Sandstreutechnik und Systeme mit sogenannten Flüsterbremsen bei Güterzügen, erzählt von Magnetbremsen mit Adhäsionsproblemen bei hohen Geschwindigkeiten. 

Der jüngere Mann hört nickend zu, versteht aber wie ich nicht viel und rettet sich in die Bemerkung, dass Schienenfahrzeuge eben schon sehr lange Bremswege hätten. Das ist definitiv so, meint der Ältere, das ist aber noch gar nichts gegen Ozeandampfer, denn die haben einen Bremsweg von bis zu zwölf Kilometern. Darum, meint darauf der Jüngere, froh nun endlich auch was Substanzielles beitragen zu können, habe die Titanic damals absolut keine Chance gehabt, noch vor dem Eisberg abzubremsen. Das allerdings hätte er nicht sagen sollen, denn das war jetzt das Stichwort: Titanic! Bah, daran stimmt ja hinten und vorne nichts! Unter uns gesagt, schon allein dieses Orchester. Es soll bis zum kompletten Untergang gespielt haben. Das kann doch nicht sein. Was für ein Bullshit. Ich sage dir, sagt der Ältere, kein Musiker spielt weiter, wenn sein Leben dermassen in Gefahr ist, keiner. Ich weiss das, ich bin selbst Musiker und spiele in einer Band. Also schon allein deswegen... Deswegen was? Dem Jüngeren, verblüfft und unsicher, ob er denn richtig verstanden habe, fällt im Moment nichts anderes ein als: Das habe ich so noch nie gedacht. Ich spiele zwar auch ein Instrument, Oboe, aber es stimmt, ich hätte wahrscheinlich in der Situation auch nicht weitergespielt. Siehst du. Du eben auch nicht. Und weil das auch sonst kein Musiker auf der Welt macht, ist auch der ganze Rest eine Lüge. Eisberg, Aufprall, was stimmt daran? Nichts! Logischerweise kann es somit auch keine Titanic gegeben haben, denn was soll eine Titanic ohne die Musiker, die bis zum Untergang spielen. Nächster Halt Bülach. Der in Bremssystemen und Schiffskatastrophen so versierte Experte packt die Autoreifen und wünscht einen schönen Abend. Der jüngere Mann bleibt sitzen. Er wirkt wie leicht betäubt. Aber auch ich schweige in Nachdenklichkeit. Es soll doch noch Menschen geben, die beim Lügen rot werden. In Analogie dazu könnte man demnach sagen, dass also auch gereifte Tomaten lügen. Und erst Erdbeeren oder Peperoni. Also aufgepasst bei Früchten und Gemüse, es wird geschwindelt.


Kurzprosa

Paradies I (Auf- und abtauchen)

Erinnern Sie sich an die letzten Momente vor Ihrer Geburt oder besser gesagt, an die sensorischen Empfindungen vor Ihrem Auftauchen auf dieser Welt, spüren Sie noch das prickelnde Gefühl, wobei Sie was sanft nach oben treibt, ein sanfter, unaufhörlicher Auftrieb zwischen moussierenden, massierenden Luftbläschen, immer weiter nach oben, es wurde heller und heller und Sie wussten, es passiert, ja, jetzt passiert es, wie ein Fisch schnappten Sie nach Schaumkronen - und waren auf der Welt...

Und erinnern Sie sich auch noch - als Sie einmal ein anderer waren mit ganz anderem Namen -, wie da, nachdem Sie von denen, die gerade bei Ihnen waren, für tot erklärt worden waren, Wellen über Ihrem Kopf zusammenschlugen und wie Sie nach unten trieben, immer tiefer, wie die Geräusche auf der Welt allmählich auseinandersplitterten in sinnlose, nicht mehr verständliche Einzelteile, wie Sie danach immer noch weiter sanken in eine immer dunkler werdende, verklingende, bald vollends taube Unendlichkeit - und wie Sie sich das alles unbedingt noch für das nächste Mal merken wollten?

Paradies II (die Bibliothek)

Ich stelle mir das Paradies als eine unermessliche, weitläufige Bibliothek vor, wo ich, bzw. meine Seele tagsüber bei angenehmen Temperaturen in losem Seidengewand und mit nichts drunter (so viel zur Nacktheit im Paradies) Regalen entlanggeht. In der Morgendämmerung würden erste Lichtstrahlen die Bücherrücken in eine blau schimmernde Stadt mit hochragenden Häusern verwandeln, die am Abend, von einer untergehenden Sonne entflammt, hell lodernd brennen würden.

All diese Bücher wären Lebensberichte, Autobiografien, von jedem Homo sapiens, der mal gelebt hat oder noch am Leben ist. Auch meine oder deine Autobiografie würde irgendwo unter den Billionen von Bänden stehen. Ja, Billionen wären es - oder Trillionen, denn es wären nicht nur die Berichte von Menschen oder menschenartigen Wesen, sondern von allen Lebewesen, die jemals existiert haben oder noch existieren. Von jeder Ameise, von jedem Elefanten, von jedem Goldfisch, von jeder Eiche, von jeder Birke und jedem Grashalm. Und ich würde diese Buchbände gar nicht herausziehen und lesen müssen. Nein, ich würde sie bei meinen endlosen Gängen nur streifen und, hie und da stehen bleibend, ihnen zuhören. Das könnte ich nämlich. Ihre Stimmen könnte ich hören. Ich könnte hören, wie diese in den Büchern verborgenen Stimmen summen, brummen, singen, wispern, gurren, seufzen, schimpfen, stöhnen, jauchzen, jubilieren, prahlen, loben und verdammen.

Meine nun universelle Seele würden jedes Zischeln, jedes Wispern und jedes Stammeln übersetzen können. Und würde den einen Hirschkäfer, den dumpfen Brummer aus dem Höngger Wald, wortwörtlich verstehen, wenn er sich darüber ausliesse, wie verdammt kurz und ungerecht sein erwachsenes Leben war, das eigentlich nur aus üblen Kämpfen bestand und, sofern er Schwein gehabt hätte und ein Göttergünstling gewesen wäre, aus einmaligem Sex. Da er aber offenbar kein Schwein gehabt hat und auch kein Göttergünstling gewesen ist - so verstand ich ihn - sei es schnell wieder Nacht geworden, einen heftigen Stoss hätte er gespürt und sich mit schweren zappelnden Beinen und wehrlos auf dem Rücken liegend zwischen Pilzen und feuchten Blättern wieder vorgefunden. Danach Ende der Stange. Und das alles, nachdem er zuvor jahrelang als überfressene Larve von einem freien Leben an Luft und Sonne und mit edlen Raubzügen geträumt hatte.

In dieser Bibliothek könnte ich auch das stolze Rauschen einer Eiche verstehen, die davon schwärmt, wie sie an einem glutheissen Tag zwanzig Hektoliter Wasser aus dem Boden sog und damit herrlich Stamm, Äste und alle ihre Zweige und Blätter und dazu noch die ganze Umgebung ,samt diesen Menschen', die unter ihr sassen, kühlte. Und von Judas würde der verständnisvolle Teil meiner Seele erfahren, was ihm zuletzt noch durch den Kopf ging, bevor er sich aufhängte und schon ahnte, was man die restliche Ewigkeit lang über ihn sagen wird.

In der Nacht dann würde der immer noch hungrige Teil meiner Seele vor einem Teller Spaghetti sitzend sich an all das Gehörte erinnern. Und dabei mit jedem Schluck Wein (jaja!) zu einem Punkt gelangen, wo das Verständnis für das Leben immer tiefer und grösser würde. Mit jedem Schluck Wein würden Einsicht und Verständnis wachsen, ich würde ahnen, dass es für jede Existenz, für jede Butterblume Gutes gibt und Böses. Nur wird das in so vielen Sprachen so stotternd, so wirr, so sich selber immer wieder ins Wort fallend, ausgedrückt, dass vielleicht doch der eine oder andere Zweifel aufkommen könnte, alles so verstanden zu haben, wie es gemeint und gefühlt war.

Darüber würde ich bzw. meine Seele in der Nacht noch lange nachdenken. Bis sie und ich von dem vielen Nachdenken und nach weiteren schweren Schlücken vieles vergessen würden und wir beide dann von Selbstkritik übermannt, am nächsten Tag, wenn die ersten Lichtstrahlen die Bücherrücken in eine blau schimmernde Stadt verwandeln, nochmals jenes Regal aufsuchen müssten, wo dieser eine Hirschkäfer, du weisst wer, dieser dumpfe Brummer aus dem Höngger Wald, was der denn schon wieder über Gut und Böse sagen würde?

Und werden wir`s auch wieder finden, nur schon das Regal?